stef2303 - Der Weg in ein suchtfreies Leben - Zeit wird es!

  • Hallo, liebe Leute!

    Nachdem ich jetzt drei Wochen nichts geschrieben habe (aber mitgelesen habe ich immer fleißig), ein oder zwei Gedanken, die mich in letzter Zeit etwas "plagen":

    Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, baue ich nach x Jahren des Gewohnheitstrinkens, welches vor meinem Entschluss, dauerhaft nichts mehr zu konsumieren, zuletzt schon schwer bedenkliche Ausmaße angenommen hat, mein Leben komplett neu auf. bzw. bin ich da mittendrin. Will heißen: Umzug in eine andere Stadt, Aufbau neuer Sozialkontakte, weniger Arbeit (die war der Hauptgrund für die Trinkerei), viel Sport, ehrenamtliches Engagement, Veranstaltungen etc. - also eine bessere work-life-Balance eben. Und natürlich kein Alkohol.

    Was mir nun langsam immer mehr auffällt, ist allerdings, dass (nennen wir es mal so:) mein bisheriges "Umfeld" mir teilweise meinen Umstieg bzw. meine neue Lebensweise doch immer wieder "madig" zu machen versucht (sagt man das so?). Es sind zwar oft nur Kleinigkeiten, aber sie fallen auf. Immer mehr. Bei der Arbeit (habe weiterhin dieselbe Stelle) vermeiden manche den Kontakt, Einladungen zu Veranstaltungen werden nicht mehr ausgesprochen, die neue Wohnung passt nicht, meine Freizeitaktivitäten werden kritisiert (zu viel, zu anstrengend, "du mutest dir zu viel zu", "geh' es lockerer an", "früher hast du dich nicht so herausgenommen" [gemeint: Feiern und so], etc.). Irgendwie wird mir hier der Boden unter den Füßen weggezogen. Bzw. kommt es mir vor, als möchten mich manche geradezu sabotieren.

    Ja klar, zur nassen Zeit war der Umgang mit mir bzw. mein Umgang mit anderen anders - "einfacher", lockerer, vorhersehbarer für so manchen - zum damaligen Zeitpunkt betrachtet. Heute rückblickend natürlich war es ein unverantwortlicher Zustand, der da herrschte. Unverantwortlich meinen Mitmenschen (die haben teils genug mitgemacht) und auch mir selbst gegenüber. Über so viele Jahre. Und das soll es in Zukunft nicht mehr geben.

    Wie auch andere in Bezug auf ihre Lebensgeschichte schreiben, ist meine derzeitige Situation nichts Außergewöhnliches - das alte Umfeld passt eben nicht mehr in die trockene Zeit und es ist freilich am besten, neue Pfade zu beschreiten und die alten ungesunden Beziehungen zu beenden und Gewohnheiten zu lassen.

    Dass dies aber so hart ist, hätte ich mir nicht gedacht. Vor allem, wenn sich langjährige "Freunde", die man seit dem Kindergarten kennt, von einem abwenden. Wobei: Freunde waren es dann wohl doch nicht...

    Andererseits: Zumindest sehe ich jetzt, dass ich vieles in der Vergangenheit vollkommen falsch eingeschätzt habe. Also heißt es, wieder einmal von vorne anzufangen (ist nicht das erste Mal - aber in Bezug auf die Abstinenz schon). Habe mir jetzt einmal das Ziel gesetzt, mich bis spätestens nach dem Sommer komplett neu aufzustellen, die Vergangenheit in eine Kiste zu packen und diese irgendwo zu vergraben. Ich hoffe, das klappt.

    Wie unlängst meine Psychotherapeutin meinte: "Gehen Sie noch mehr raus!", da dachte ich mir schon: Ja, das sagt sich so leicht. Aber ein einsturzgefährdetes Haus setzt man man auch nicht von heute auf morgen wieder in Stand.

    Es wird also wohl noch ein langer Weg...

    Da nun auch der Regen schön langsam aufhört, geht es jetzt noch zum Sport und dann in ein hoffentlich ruhiges Wochenende.

    Liebe Grüße, Euer Stef.

  • Ja das wegdriften von alten "Freunden" habe ich auch so erlebt und auch meine Teilnahme an gemeinsamen Treffen und Veranstaltungen hat sich verändert.

    Ich hatte einen Arbeitskollegen mit dem ich jedes Wochenende in Bars getrunken habe. "Mit dir kann Pferde stehlen, Leichen vergraben. Auf dich ist Verlass beste Freunde...etc".

    Nach meinem Entschluss zur Abstinenz bin ich natürlich nicht mehr in Bars, maximal noch mit ins Restaurant essen, während er sich ein Bier nach dem anderen genehmigt hat. Da ich ebenfalls wieder mit Sport angefangen hatte und explizit auf Schlafhygiene achte, war ich natürlich auch immer der erste der gegangen ist.

    Es verlief sich selbstverständlich mit der Zeit, irgendwann beim einkaufen wieder getroffen "Und? Bist du immer noch auf deinem Gesundheitstrip?" Die Frage hat im Grunde alles beantwortet, was diese "Freundschaft" ausgemacht hatte (auch von meiner Seite). Eine weitere Person mit Alkoholproblem, um sich weiterhin die eigene Illusion der Normalität bewahren zu können...

    Ein bisschen Bedauern empfinde ich manchmal schon noch aber das gilt wenn ich ehrlich bin nicht den Menschen mit denen ich getrunken habe, sondern dem Gefühl der Zugehörigkeit. Alkohol hat das für mich erleichtert, die Abkürzung quasi. Jetzt knüpfe ich Verbindungen nüchtern, ist manchmal unsäglich anstrengend für mich aber es lohnt sich immer.

  • Ein bisschen Bedauern empfinde ich manchmal schon noch aber das gilt wenn ich ehrlich bin nicht den Menschen mit denen ich getrunken habe, sondern dem Gefühl der Zugehörigkeit. Alkohol hat das für mich erleichtert, die Abkürzung quasi. Jetzt knüpfe ich Verbindungen nüchtern, ist manchmal unsäglich anstrengend für mich aber es lohnt sich immer.

    Hallo Hobbes!

    Ja, genau das ist es. Sich nüchtern ein neues Leben aufzubauen, ist ausgesprochen anstrengend. Vor allem was das soziale Umfeld betrifft. Und ich denke, mit dem Alter wird das auch immer schwieriger. Wenn ich mich jetzt ansehe und mich mit meinem Ich von vor 10 oder 20 Jahren vergleiche, dann merke ich auch und doch recht deutlich, dass diese meine Lockerheit von früher (der Elan der "jungen" Erwachsenen) nicht mehr so da ist - eben jene Lockerheit, die der Alkohol entsprechend zusätzlich verstärkt hat. Ich gebe Dir da recht. Bei einer Feier war es für mich - subjektiv betrachtet - erheblich leichter, mit einem Glas Wein oder einer Flasche Bier in der Hand Anschluss zu finden, Leute kennenzulernen, sich zu verabreden usw. Als trockener Alkoholiker z.B. nach der Arbeit auf einen After-Business-Drink zu gehen, das funktioniert meistens nicht so wirklich.

    Kurz- bis mittelfristig geht mit der Abkehr vom Alkohol aus meiner Sicht ganz grundsätzlich eine Reduktion der Sozialkontakte einher. Das ist zwar traurig, aber aus meiner Erfahrung - und soweit ich das auch bei anderen sehe - kaum zu vermeiden. Wobei: Auf mich bezogen, könnte ich da durchaus [und mit Recht!] auch "Selber schuld!" sagen. Hätte ich mich damals nicht krank und in die Abhängigkeit getrunken, hätte ich jetzt diese Schwierigkeiten nicht. Daher möchte ich auch nicht in Selbstmitleid versinken, sondern einfach meinen Fokus auf mein Leben 2.0 legen, wobei mir insoweit auch dieses Forum sehr hilft, da ich sehe, dass bei vielen die Probleme doch im Grunde dieselben sind und man sich entsprechend austauschen kann.

    Die nassen Zeiten sind jedenfalls vorbei und jetzt gilt es eben, entsprechend Energie in ein trockenes Leben zu stecken. Auch wenn es mühsam ist, aber im Endeffekt lohnt es sich.

    In diesem Sinne, LG Stef.

  • Hallo liebe Leute!

    Diesmal tatsächlich nur kurz.

    Es gibt sie, diese Momente, die die hässliche Fratze der Droge Alkohol bzw. die Folgen der Abhängigkeit aufzeigen:

    Heute hatte wir abends in meiner Firma Verabschiedungen von langjährigen Mitarbeiter/-innen. Nach dem offiziellen Teil saß ich später dann alleine in meinem Büro und eine Kollegin, mit der ich die letzten fast 20 Jahre im Unternehmen praktisch "aufgewachsen" bin und mit der ich echt vieles erlebt habe, klopfte an, bedankte sich bei mir für die schönen Jahre der Zusammenarbeit und des Miteinanders und schenkte mir schließlich eine Flasche Hochprozentiges (Selbstgebranntes) aus ihrer Heimat. Grundehrlich und gut gemeint bzw. ohne böse Absichten. Diese Situation war letztlich doch emotional belastend (sentimental bin ich normalerweise nicht), da es wirklich eine lange Zeit des Miteinanders war und der Abschied wohl endgültig sein wird. Sie kehrt in ihre Heimat zurück.

    Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Gute (sie war übrigens absolut nüchtern) hätte es gerne gehabt, dass wir praktisch ein letztes Mal auf die Vergangenheit und die Zukunft angestoßen hätten. Sagte dies aber nicht direkt.

    Da sie von meiner Krankheit nichts wusste, zog ich mich wieder einmal mit fadenscheinigen Ausflüchten aus der Affaire.

    Getrunken habe ich nichts; die Flasche blieb zu. Die Flasche nicht annehmen, das konnte ich nicht (Ich meine hier: Das brachte ich nicht übers Herz).

    Und nachher, als ich wieder alleine im Büro war, dachte ich mir: Jetzt bekommst Du die Rechnung für das präsentiert, was Du früher durch Deinen Weg in die Abhängigkeit erreicht hast.

    Da sieht man, wie zerstörerisch die Abhängigkeit ist...

    LG, Stef.

  • Irgendwie hatte ich das Gefühl, die Gute (sie war übrigens absolut nüchtern) hätte es gerne gehabt, dass wir praktisch ein letztes Mal auf die Vergangenheit und die Zukunft angestoßen hätten. Sagte dies aber nicht direkt.

    Da sie von meiner Krankheit nichts wusste, zog ich mich wieder einmal mit fadenscheinigen Ausflüchten aus der Affaire.

    Getrunken habe ich nichts; die Flasche blieb zu. Die Flasche nicht annehmen, das konnte ich nicht (Ich meine hier: Das brachte ich nicht übers Herz).

    In so einem Fall hätte ich die Flasche wahrscheinlich auch entgegen genommen und zu erst bester Gelegenheit weiter verschenkt.

    Auch hätte ich ihr erklärt, dass ich nicht mehr trinke und daher mit ihr nicht anstoßen kann und werde.

    Ich weiß, andere hier hätten hier anders reagiert.

    Übrigens: Mein ehemaligen Trinkkontakte sind allesamt eingeschlafen. Ich habe keinerlei Kontakt mehr zu Personen, mit denen ich früher mal gemeinsam gezecht habe.


    Irgendwo im I-Net habe ich zu Beginn meiner Abstinenz mal von einer Langzeitabstinenten gelesen: "Und dann war nichts mehr so wie es mal war." Es war mir schon damals klar, dass sie insbesondere ihr privates Umfeld meinte.


    Das ist halt der Preis meiner Freiheit. Ich habe ihn gerne bezahlt. Denn meine Freiheit vom Alkohol ist mein Leben und genau das ist nicht verhandelbar.

    Es hat bei mir schon ein Weilchen gedauert, eher Jahre als Monate, bis sich das bei mir so gesetzt hatte.

  • Hmm... sagen es mal so: Hätte ich mich nicht über die Jahre so konsequent in die Alkoholabhängigkeit gesoffen, dann wäre es vermutlich kein Problem (ich meine in Bezug auf meine psychische Abhängigkeit) gewesen, mit ihr mit einem (1!) Gläschen anzustoßen.

    Aber das kommt jetzt klarerweise nicht mehr in Frage; ich brauche sicherlich keinen Rückfall. So gefestigt bin ich aber glaube ich schon, um auch in schwierigen Situationen das Glas stehen bzw. die Flasche zuzulassen.

    Zu früheren Zeiten wäre genau so eine Situation übrigens der Grund gewesen, eine Trinkpause zu beenden. Da dachte ich auch noch anders. Jetzt denke ich nicht mehr in Trinkzeiten und Trinkpausen, sondern ist Alkohol schlichtweg keine Option mehr.

    In Bezug auf die Kollegin: Zum Stand heute würde ich, auch wenn sie mich gefragt hätte, nicht getrunken haben (habe ich ja auch nicht), weil ich mir meiner Krankheit bewusst bin und den Irrsinn von damals nicht noch einmal erleben möchte. Ohne Abhängigkeit und problematischem Alkoholkonsum (diese Zeit gab es auch irgendwann mal) hätte sich die Sache vermutlich - und zugegeben - wohl anders dargestellt.

    Im Denken in der weit zurückliegenden Vergangenheit und ohne Abhängigkeit zu leben, mag zwar ein wenig "nostalgisch" sein - auf dem Lebensweg der eingeschlagenen Abstinenz bringt einen dieses Wunschdenken des wieder suchtfreien Daseins aber auch nicht weiter...

    Daher war die Situation der Verabschiedung heute für mich zwar emotional unangenehm, aber letztlich ging es problemlos auch ohne Alkohol.

    Einmal editiert, zuletzt von stef2303 (1. April 2025 um 00:33)

  • Grundehrlich und gut gemeint bzw. ohne böse Absichten. Diese Situation war letztlich doch emotional belastend (sentimental bin ich normalerweise nicht), da es wirklich eine lange Zeit des Miteinanders war und der Abschied wohl endgültig sein wird. Sie kehrt in ihre Heimat zurück.

    Hätte sie von deiner Abhängigkeit gewusst, wärst du nicht ins Schwimmen gekommen, und es wird in Zukunft nicht besser, zumindest wenn das Geschenk aus dem nahen Umfeld käme.

    Verheimlichen, sich herausreden oder drumherum reden hatte ich in der Vergangenheit, brauche ich heute nicht mehr. Lügen, sich verstecken und andere bewusst anlügen brauche ich nicht mehr.. Und wenn ich plötzlich irgendwo, wo ich immer mit getrunken habe, nichts mehr trinke, dann fällt das genauso auf wie das Herumdrucksen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Hallo Stef,vielleicht solltest du mal einen.Abschiedsbrief an den Alkohol bzw die Sucht schreiben!? Halt schreiben wie die Zeit mit dem Alkohol war! Negativ und mitunter auch positiv!? Na und das du jetzt einen anderen Weg einschlägst und der Alkohol in deinem neuen Leben keinen Platz mehr hat! Ja und dann vergräbst bzw.verbrennst du das Blatt! So eine Zeremonie wirkt oft nach,als Erinnerung!! LG Bono

  • Hallo, liebe Leute!

    Das Wort zum Sonntag? Nein, keine Sorge, nur eine Kleinigkeit, die mich heute ein bisschen zum Grübeln gebracht hat.

    Heute räumte ich ein wenig mein Handy auf und ging dabei auch durch meine Whatsapp-Kontakte und die Chats. Was mir beim Durchforsten auffiel ist, dass es gar nicht mal wenige Bekannte (männlich wie weiblich) gibt, die man auf Fotos nur sehr selten ohne ein Glas Sekt, Wein oder Bier sieht. Oder [noch bezeichnender!] man sieht nur z.B. einen Tisch auf einer Terrasse, gerichtet auf die Berge oder das Meer und: ein Glas mit etwas Alkoholischen drin mit vielen Grüßen aus dem Urlaub oder von sonst wo. Also nicht einmal mehr den Menschen selbst.

    Anscheinend stellt es sich für manche als Selbstverständlichkeit dar, sich so zu präsentieren, um "in" zu sein, zu zeigen, dass man das Leben genießt, in der Gesellschaft angekommen ist [manche werden sich vermutlich suchtbedingt aus den geselligen Kreisen bald wieder verabschieden] oder was weiß ich.

    Gerade eben gesehen: Bilder von einer mir bekannten Familie bei der Osterjause und jeder bis auf die Kinder hält ein Glas in die Kamera und grinst dümmlich in die Linse.

    Bei so manchem (auch mancher) fallen dabei - wie eben bei der genannten Osterjause - die rötlichen Gesichter und die glasigen Augen schon am frühen Nachmittag auf. Man kann sich denken, wie das enden wird. Im besten Fall mit einem ordentlichen Schwips oder Vollrausch, bei manchen fürchte ich mit der einen oder anderen familiären Krisensituation (kenne ein Paar, da weiß ich jetzt schon, dass das noch unangenehm wird).

    Ja und dann sah ich meine Fotos von früher durch, die ich anderen geschickt habe. Von Veranstaltungen, Freizeitaktivitäten, geselligem Miteinander. Gruppenfotos, Selfies - egal. Und ich sah dasselbe! Selten mal ein Bild ohne das obligatorische Glas Weißweinschorle oder die "dezente" 0,3er-Party-Flasche Bier [Sarkastische Anmerkung: Eine 0,5er-Flasche nimmt man ja nicht in die Hand, das schaut doch billig aus und man wirkt wie ein Säufer. Daher lieber die kleinen 0,3er-Flaschen am Stehtisch in netter Runde, das wirkt unauffällig und so was von distinguiert. PS: In der Zeit, wo ich sonst eine 0,5er-Flasche getrunken hätte, habe ich natürlich zwei oder drei 0,3er-Flaschen getrunken... Viel "besser", oder!? - Das musste ich jetzt mal loswerden.]

    Jedenfalls: Diese Wahrnehmung hat mich dann doch schon irritiert bzw. "gepackt".

    Ich glaube, wenn man abstinent lebt, fallen einem solche Dinge viel öfter auf. Und man erkennt, wer aus dem Bekanntenkreis ein massives Problem mit unserer Volksdroge Nr. 1 haben dürfte. Das Trockensein schärft da tatsächlich die Sinne.

    Warum ich das schreibe? Eigentlich weiß ich das gar nicht so genau, aber irgendwie fiel mir das auf und ich merkte, dass das bei mir zu nassen Zeiten ähnlich war. Die Fotos: Hinweise, dass der Alkohol vielleicht doch eine größere Rolle im Leben spielt, als man denkt.

    Bei Fotos von mir sieht man mich jetzt nur mehr selten noch mit einem Glas in der Hand (oft nur das "berühmte" Sektglas mit Orangensaft drin zum Anstoßen bei Feierlichkeiten). Von diesem gesellschaftlichen Zwang des "Zeigen-des-gut-gelaunt-seins-mit-einem-Gläschen-xy" bin ich erfreulicherweise größtenteils weg. Bei so manch anderem / anderer denke ich mir allerdings, wenn ich Fotos sehe: "Also Du hast aber auch schon ein echtes Problem mit dem Alkohol."

    Wie dem auch sei, dachte mir, ich schreibe das mal nieder - da mich diese Wahrnehmung doch irgendwie zum Grübeln gebracht hat.

    LG, Euer Stef.

    Einmal editiert, zuletzt von stef2303 (20. April 2025 um 17:34)

  • hallo Stef,

    das ist mir gerade gestern bei einer entfernten Verwandten auch aufgefallen. Die machen aus allem irgendwie ein Event, und gestern gab es Osterspiele. Da standen etliche Bierbecher auf dem Tisch, davor lagen Zettel mit den verschiedensten Biermarken, und so sollte das Bier den Zettel zugeordnet werde. Manceher mag sich nichts dabei denken, aber ich fand es schon mehr als auffällig, und heute fällt es mir sofort auf. Ich denke, das kommt daher, weil ich mich mit dem Thema, als Angehörige und früher auch beruflich intensiv beschäftige.


    lg Morgenrot

    Wer nicht hofft, wird nie dem Unverhofften begegnen. ( Julio Cortazar )

  • Hallo Stef,

    Ich bin zwangsläufig aus dem Kreis rausgetreten und einen Schritt zur Seite.
    Aus der Perspektive sehe ich ungeschminkt das gefährliche Spiel mit dem Alkohol.
    Die Gesellschaft spiegelt in diesem Verhalten genau das Bild wieder, welches uns in der Werbung der Alkoholindustrie als erstrebenswert vorgegeben wird und ich war lange ein Teil davon. Nun zwingt mich keine Brauerei das Glas zu trinken, aber das Gegenstück, das Korrektiv, fehlt beim Alkohol. Würde mit derselben Vehemenz auf die Gefahren des Alkohols hingewiesen, wie er positiv ins Licht gestellt wird, wäre schon viel gewonnen.
    Die Autoindustrie zwingt mich auch nicht zu riskantem Fahrverhalten, die Einführung des Sicherheitsgurts hat aber zu einer sicheren Nutzung des Vehikels geführt.
    Ich selbst werde das nicht ändern können. Was ich tun kann, ist darauf zu achten, dass ich dem perfiden Spiel mit dem Alkohol und den damit verbundenen gesellschaftlichen Zwängen nie wieder erliege.
    Dafür sind die Beobachtungen, die du geschildert hast, hilfreich.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Interessant, Deine Schilderung, Stef.

    Mir begegnen solche Fotos eher weniger. D.h. auf FB oder einer anderen Community schon. Und da klicke ich dann schnell weiter.

    Das mag vielleicht auch an meinem Alter liegen. Denn ich merke, dass viele meiner Bekannten mittlerweile ein anderes Verhalten an den Tag legen. - Oder liegt es daran, dass ich solche Veranstaltungen meide? Beides möglich.

    Aber auch mich ver-stört solche Darstellungen, dass man nur mit Alkohol gelöst und gut gelaunt sein kann.

    Die Gefahr erkennen viele erst zu spät.

    Bei uns in der Clique war es gang und gäbe, dass man Alkohol konsumierte. Nur ich hatte für mich selbst ein Problem und musste dann auch zu Hause weitersaufen. Aber das hat keiner mitbekommen.

    Und ich habe tatsächlich darauf geachtet, dass ich nicht mit Alkohol geknipst werde, damit keiner auf die Idee kommen könnte, dass ich Alkoholikerin bin. Aber da war ich wohl schon lange über den Punkt des normalen Konsums hinaus.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Volksdroge Nr. 1

    Da denke ich persönlich eher an Nikotin und die dämliche, stinkende Qualmerei, aber dann folgt auch schon der Alk.

    Ich glaube, wenn man abstinent lebt, fallen einem solche Dinge viel öfter auf.

    Stimme ich voll zu. Genau so bin ich zu früheren Zeiten andern Betrachtern aufgefallen.

    kleinen 0,3er-Flaschen

    Kenne ich. Die 0,5 wurden mir gerade in der schönen Jahreszeit zu schnell warm und schal, daher habe ich gerne die 0,3er genommen. Zum Ausgleich wurde halt die Schlagzahl erhöht.

    Fotos nur sehr selten ohne ein Glas Sekt, Wein oder Bier sieht. Oder [noch bezeichnender!] man sieht nur z.B. einen Tisch auf einer Terrasse, gerichtet auf die Berge oder das Meer und: ein Glas mit etwas Alkoholischen drin mit vielen Grüßen aus dem Urlaub oder von sonst wo.

    Kenne ich zur Genüge. Das Posten der Bilder ist doch letztlich nur eine Art von Selbstdarstellung und der Alk ist halt für viele mit dem Begriff der "schönen Momente des Lebens" verklammert. Leider ist halt unsere Gesellschaft ziemlich "versoffen". Sie wird jedoch allein dadurch, dass ich die Flasche weggeworfen habe, nicht einen Deut besser.


    Im Laufe der Jahre fällt mein Blick jedoch nicht mehr auf die Tische der anderen und ich nehme nur noch beiläufig, zumeist gar nicht mehr wahr, ob und was dort getrunken wird. Mein Blick ist nicht mehr so alkoholfixiert wie in meinen Anfangsjahren. Auch meine sinnliche Wahrnehmung musste sich umstellen und ich denke, es ist mir gelungen. Dafür bedarf es aber Zeit, viel Zeit und genau die habe ich. Wie habe ich es so schön gelesen und gehört: "Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit."

  • Ich sehe solche Bilder auch oft in den Stati, vor allem zur Urlaubszeit. Entspannung - Belohnung - Auszeit ... wird halt bei vielen mit Alkohol verbunden. Sie dürfen das auch, weil sie damit umgehen können. Ich kann das nicht (mehr). Seh das nicht so eng. Wär auch blöd, wenn ich da wehmütig wäre.

  • Ich sehe es auch in meinen Bildern. Wehmut ist das nicht sondern ein erkennen der Notwendigkeit, diese Verknüpfung ‚Urlaub,Entspannung, Spaß=Alkohol‘ für mich endgültig zu lösen.

    Das positive Image von Alkohol in der Gesellschaft hält sich erstaunlich gut. Beim Tabak ist es relativ gut gelungen, die Substanz aus der ‚cool‘ Ecke zu holen.

    Wir haben als Jugendliche früher alle geraucht- das war Zeichen von Rebellion und erwachsen sein. Heute sehe ich das nicht mehr so oft. Unter den studis rauchen in einer Gruppe vielleicht 2-3. Bei den Freunden meiner Tochter ähnlich.

    Vielleicht gelingt das auch irgendwann mit Alkohol. Dass die Feste meiner Tochter nicht mehr mit Rauschtrinken verbunden sind macht mir Hoffnung. Gerade war sie auf einer Jugendfreizeit und auf Bildern und Videos ist fast gar kein Alkohol zu sehen.
    Ich will niemandem das trinken verbieten, aber dennoch ist es toll, wenn eine Gesellschaft erkennt, dass man auch ohne Alkohol feiern, entspannen und gut essen kann.

  • Servus, mal von einer anderen Seite aus betrachtet;)

    Heute räumte ich ein wenig mein Handy auf und ging dabei auch durch meine Whatsapp-Kontakte und die Chats. Was mir beim Durchforsten auffiel ist, dass es gar nicht mal wenige Bekannte (männlich wie weiblich) gibt, die man auf Fotos nur sehr selten ohne ein Glas Sekt, Wein oder Bier sieht. Oder [noch bezeichnender!] man sieht nur z.B. einen Tisch auf einer Terrasse, gerichtet auf die Berge oder das Meer und: ein Glas mit etwas Alkoholischen drin mit vielen Grüßen aus dem Urlaub oder von sonst wo. Also nicht einmal mehr den Menschen selbst.

    Ich würde mir l Gedanken darüber machen, was der tiefere Sinn ist, warum mir so etwas nun als trocken werdender Alkoholiker auffällt.

    Ich selbst mache mir darüber keine Gedanken. (mehr) Bei mir war es schließlich nicht anders. Warum sollte ich mein eigenes Verhalten infrage stellen, wenn ich es bei anderen beobachte?

    Den Verzicht, etwas nicht mehr tun zu können, zu wollen oder es zu analysieren, hole ich mir nicht ins Haus. Die Welt wird nicht trockener, nur weil ich nicht mehr trinke.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Hallo, liebe Leute!

    Jetzt haben wir also bald Mitte Mai. Ich finde es erstaunlich, wie schnell die Zeit vergeht. Die Arbeitswochen vergehen wie im Flug; die Wochenenden noch schneller.

    Die Tage ohne Alkohol sind so anders als die mit. Das realisiere ich mit der Zeit immer mehr. Auch wenn ich früher auch gezielte - monatelange - Trinkpausen eingelegt habe, war damals doch immer klar, dass es irgendwann wieder losgeht. Wenn irgendein Ereignis kommt; eine Krise (privat oder beruflich), eine Firmenfeier, eine Belohnung für irgendwas etc. Diesmal ist es anders. Nach 25 Jahren mit einem jährlichen Murmeltier, das grüßt, bin ich glaube ich mental endlich tatsächlich so weit, dass ich nicht mehr ein Kalenderjahr in eine Zeit mit Alkohol und eine Zeit ohne einteile und mir so mein Leben ruiniere und auch andere deswegen leiden bzw. mit meinem (in nassen Zeiten) sehr egozentrischen, launischen und unberechenbaren Ich umgehen müssen. Diesmal sollte es klappen. Im letzten halben Jahr habe ich mehr geändert als die letzten 25 Jahre zusammen. Das lasse ich mir durch einen Rückfall nicht mehr zunichte machen.

    Heute schreibe ich einfach einmal deshalb, da mir in den vergangenen Tagen zwei, drei Dinge eingefallen sind, die mir noch immer ein wenig in meinem Kopf herumspuken bzw. nachhallen. Und weil schreiben bei der Verarbeitung hilft, mache ich es mal hier, denke ich (vielleicht hat ja jemand auch ähnliche Erfahrungen gemacht oder Gedanken gehabt)...

    - Vor knapp 20 Jahren ist mein Cousin (Schweralkoholiker, mind. zwei Kästen Bier pro Tag) an Leberzirrhose gestorben. Mit knapp über 30! Die letzten Tage im Krankenhaus, als wir ihn besucht haben, waren schlimm. Abgemagert bis auf die Knochen, aber der Bauch aufgebläht, steinhart und sehr warm (fast schon heiß). Nicht mehr aufnahmefähig, im Delirium. Wie wir später hörten war auch sein Todeskampf (in der Nacht) heftig. Nichts für schwache Nerven, sagte man. Selbst als ich sah, was der Alkohol anrichten kann: Hörte ich etwa auf? Nein. 20 Jahre machte ich weiter - sehenden Auges dem Abgrund entgegen (zwar nicht mit diesen Mengen, aber dennoch viel zu viel). Irgendwie fällt mir erst jetzt so richtig auf, was ich eigentlich für ein Glück hatte, mir über die vielen Jahre gesundheitlich nichts Gröberes eingefangen zu haben. Ich glaube, würde ich weitertrinken (bzw. weitergetrunken haben), würde mein Ende ebenso elendig sein.

    - Heute ist Muttertag. Mutter habe ich schon lange keine mehr. Was mir heute bewusst geworden ist, als ich an ihrem Grab gestanden bin, ist, dass ich an vielen Muttertagen so betrunken war, dass ich tatsächlich vergessen habe, meiner Mutter zu gratulieren oder - nicht weniger schlimm - so angeschlagen war, dass ich nicht zu ihr fahren konnte. Gesagt hat sie nie etwas oder mir Vorwürfe gemacht, aber verletzt hat es sie schon sehr. Jetzt, im Nachhinein - wo es zu spät ist - könnte ich mich in Grund und Boden schämen für mein Verhalten. Meine Mutter war übrigens eine der ganz wenigen, die von meiner Trinkerei wusste und mich immer wieder liebevoll darauf hinwies, wie mein Cousin starb und sie mich nicht so verlieren wolle. Damals habe ich das alles nicht wirklich wahrgenommen bzw. ignoriert oder mit dummen Sprüchen und Verharmlosungen abgetan. Heute sehe ich vieles anders.

    - Mir ein neues Leben aufzubauen ist schwieriger als gedacht. Weil ich diesmal nicht nur wie sonst üblich geistig auf den "Reset"-Knopf meines Ichs drücke und im Endeffekt wieder von irgendeinem Stand losstarte, sondern diesmal ein neues Betriebssystem in mir aufsetze. Da aber vom alten Leben praktisch (bis auf die Arbeit und ein paar wenige Freunde und Bekannte) nichts mehr übrig geblieben ist, muss ich mich im Grunde täglich neuen Situationen und Herausforderungen stellen, die es früher einfach nicht gab (oder weggesoffen wurden). Zum Glück ist hier die Arbeit als Konstante geblieben; die hilft und schafft Kontinuität.

    - Früher habe ich oft zur Belohnung getrunken oder wenn es schwierig wurde. Sich von diesen Gewohnheiten zu trennen (ja, bei mir war die Trinkerei tatsächlich eine reine Gewohnheit und im Grunde automatisiert, bei gewissen "Anlässen" die Weinflasche aufzumachen und 1/4tel sofort runterzukippen - der Rest folgte), ist gelegentlich schwieriger als gedacht. Aber es ist machbar. Gerade in schwierigen Situationen zeigt es sich aber klar, dass es wesentlich klüger ist, an diese nüchtern heranzugehen. Auch schlimm, dass ich so lange gebraucht habe, um das zu realisieren. Aber besser spät als nie.

    - Auch wenn gelegentlich Psychotherapeuten hinsichtlich der Arbeit mit Alkoholkranken kritisiert werden (las ich hier schon im Forum), möchte ich festhalten, dass aus meiner Sicht gerade bei der Begleitung von trockenen Alkoholikern eine psychotherapeutische Begleitung sehr wichtig ist. Bei mir war es so, dass die Entscheidung dauerhaft abstinent zu sein, recht schnell gefällt wurde. Doch was die Umsetzung betrifft (v.a. was tun mit der vielen Zeit und den Baustellen im Leben), so ist dabei eine professionelle Unterstützung (für mich ist das wirklich eine "Begleitung") Goldes wert. Gänzlich alleine ist eine komplette Neuausrichtung des Lebens aus meiner Sicht nur sehr schwer schaffbar und dauerhaft aufrechtzuerhalten. Danke an dieser Stelle an meine Therapeutin: Bei mir, liebe xy, hast Du das letzte halbe Jahr echt tolle Arbeit geleistet! Aber der Weg ist noch weit.

    So, ich denke, ich lass' es mal für heute. Ein wenig werde ich noch in die Sonne gehen und über meine Zukunft nachdenken...

    Ich wünsche Euch noch einen schönen Sonntag!

    LG, Euer Stef.

    PS: Ja, das Niederschreiben von Gedanken hilft wirklich.

    Einmal editiert, zuletzt von stef2303 (11. Mai 2025 um 17:05)

  • was tun mit der vielen Zeit und den Baustellen im Leben

    Hi stef,

    ich schreibe jetzt einfach mal drauf los, weil ich Dir ausser als mit ein bisschen Brainstorming nicht weiterhelfen kann.

    Fang ich mal ganz hinten an.
    Am Ende seines Lebens findet fast kein Mensch, dass er zu wenig gearbeitet hat. Die Meisten hätten im Rückblick lieber andere Dinge wichtiger genommen.
    Da gibts Interviews mit Sterbenden, und ich habe auch meinen Weg gesucht.

    Heute bin ich 65. Einige meiner Gleichaltrigen stellen gerade fest, dass sich den Plänen, was man in der Rente machen wollte, Einiges entgegenstellt. Öfter mal gesundheitliche Probleme.

    Ich habe frisch trocken eine Führungsposition übernommen, aber nach einiger Zeit festgestellt, dass Geld nicht alles ist. Anfangs musste ich noch Schulden begleichen, eine meiner Altlasten, aber nach einiger Zeit wurde ich für eine Beförderung vorgeschlagen. Das hätte geheissen, für zwar noch deutlich höheres Gehalt noch länger in der Firma.

    Ich habe aber auch noch andere Interessen. zum Beispiel bin ich immer so gerne in die Berge gegangen, nicht nur in den Alpen, da wars mir nie langweilig. Da hat es mich aus dem Job immer hingezogen, kein Job war mir so wichtig. Ausserdem Garten, Fahrradfahren, ein paar Leute treffen. Keine Kollegen. Und ich bin auch einer, der das heute nicht mehr so machen kann. Also bin ich sehr froh, dass ich es nicht verpasst habe.
    Meine Frau ist wieder da, das machts sicher einfacher.

    Aber Du gehst ja erst auf 50 zu, da kannst Du schon noch was vom Leben haben. Ich will im Prinzip auf das raus: wenn Du es Dir finanziell leisten kannst, dann mach noch was Anderes ausser Arbeiten:lol:

    LG LK

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Auch wenn gelegentlich Psychotherapeuten hinsichtlich der Arbeit mit Alkoholkranken kritisiert werden (las ich hier schon im Forum),

    Das ist wohl ein Missverständnis. Eine Therapie mit nassen Alkoholikern bringt nur nicht wirklich was - z. B. wenn ein vermeintlich noch funktionierender Alkoholiker weder sich selbst noch dem Therapeuten seine Sucht eingesteht.

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