Mattie - Abstinent bleiben

  • Eine ganz wichtige Aufgabe für mich war es, die alten Verknüpfungen zwischen einer bestimmten Situation und dem Alkoholkonsum zu lösen. Diese Verknüpfung ist durch das Suchtgedächtnis bestimmt.


    Beispiel: Pünktlich am Freitag deckte ich mich immer mit genügend Stoff für das WE ein. Die ersten Freitage war ich nachmittags etwas wackelig unterwegs, die Sucht forderte halt ihren flüssigen Tribut. Nach ein paar Freitagen war das erledigt.

    Ich habe damals analysiert, wann und unter welchen begleitenden Geschehnissen ich besonders heftig getrunken habe und mich innerlich darauf vorbereitet, dass sich Trinkgelüste einstellen können. Immer, wenn ich auf eine Situation vorbereitet war, blieb der Druck dann aus.

    Vieleicht kannst Du ja damit etwas für Dich anfangen.

  • Danke Carl Friedrich , genau so mache ich es generell auch: Mich auf Situationen vorbereiten, wenn ich sie nicht vermeiden kann oder will. Das funktionierte in den letzten vier Monaten, und vieles ist bereits aus jetziger Sicht zuverlässig überschrieben. Die Weihnachtszeit ist neu, ich kann da nicht alles vorab analysieren. Es passiert aktuell, dass ich überrascht bin von meinen Gedanken. Aber ich nehme sie an, als gehörten sie nicht zu mir: 'Sieh mal an, da meldet sich die Erinnerung'. Ich gehe auf Distanz zu diesen Anwandlungen. Und ich etabliere neue Gewohnheiten. Kaminzaubertee duftet wunderbar, während ich mich um den Lichterkettensalat kümmere.

    Liebe Grüße

    Mattie

  • Hallo zusammen,

    Weihnachten war stimmungsmäßig zweigeteilt für mich. Heiligabend und den ersten Feiertag haben wir mit lieben Menschen in unserem alkoholfreien Zuhause verbracht. Zu meiner großen Freude hat sich meine in der Vorweihnachtszeit als Antriebslosigkeit erlebte Stimmung zu einer tiefen Gelassenheit entwickelt. Tatsächlich habe ich diese Tage selten so tiefenentspannt erlebt wie dieses Jahr. Ich war sonst immer die Perfektionistin, die alles bis ins Kleinste geplant hat – von der richtigen Musik zur Bescherung bis zum extravaganten Dessert. Vermutlich habe ich damit andere genervt, die es lieber locker angegangen wären. Ich weiß noch, dass ich dabei auch leicht geschwitzt habe, was man mir angesehen hat. Jetzt war ich in mehrfacher Hinsicht ‚trocken‘, und es war mir ein Fest. Es gab keine Verzichtsgedanken, keinen Druck, aber einige Male den Gedanken: ‚Wie gut, dass ich nicht trinken muss.‘

    Für leichte Irritation sorgten zwei Alk-Geschenke von entfernteren Bekannten/Geschäftsfreunden. Ich habe es nicht über Herz gebracht, das Zeug den Schenkenden postwendend zurückzugeben. Es ist noch nicht in weitere Kreise gedrungen, dass wir abstinent leben. Nächstes Jahr würde ich es sofort ablehnen, dann sollten nämlich alle Bescheid wissen, dass bei uns kein Alkohol getrunken wird. So habe ich die Flaschen diesmal schnellstmöglich weitergereicht an jemanden, der darauf ohnehin ein Auge geworfen hatte, und fühlte mich sehr erleichtert, als sie aus meinem Sichtfeld verschwunden sind. Ich habe gedacht, wie unpassend und empathielos es generell ist, Leuten Alk zu schenken, aber ich habe den Gedanken für mich behalten. Ich will nicht zu hart in meinem Urteil sein. Ich will lernen, über den Dingen zu stehen, nur meinen eigenen Weg verfolgen.

    Am zweiten Feiertag stand eine ‚familiäre Traditionsveranstaltung‘ auf dem Programm, auf die ich hier nicht im Einzelnen eingehen kann und will. Nur so viel: Alkohol war in mehrfacher Hinsicht und aus diversen absurden Perspektiven ein Thema. Manches davon war so nicht abzusehen. Mein Mann und ich hatten allerdings vorher schon besprochen – und auch den anderen kommuniziert -, dass wir ggf. früher das Treffen verlassen würden, und so ist es dann auch gekommen. Wir haben den ‚Pflichtteil‘ mitgemacht und uns dann sofort verdrückt und draußen erst einmal ganz tief die klare reine Luft eingeatmet. Es gab hier kein Craving, kein ‚Ach, ich würd ja gern mal wieder trinken!‘, nur Widerwillen, Irritation und Fluchtgedanken. Ich bin so froh, dass mein Mann und ich uns mit einem einzigen Blick darüber verständigen können, dass wir das Gleiche denken.

    Ich bin von dieser Veranstaltung mit einem Kopf voller Grübelgedanken heimgekehrt, und tatsächlich hat das auch dazu geführt, dass ich heute in den frühen Morgenstunden wach wurde und weiterdenken musste – ganz so, wie ich es aus den Trinkzeiten kenne, wo ich oft früh aufwachte mit depressiven Anwandlungen und kreisenden Gedanken. Nur die Scham fehlte diesmal, denn ich habe mir ja – zumindest aus meiner Sicht – nichts zuschulden kommen lassen und keine Peinlichkeiten verursacht. Meine Gedanken drehen sich um Folgendes: Wie soll ich künftig mit trinkenden und als ‚lustig‘ verkauften Saufgeschichten erzählenden Menschen umgehen, die definitiv nicht einfach Sauffreunde sind, sondern liebe Verwandte, mit denen mich grundsätzlich viel verbindet und von denen ich mich auch nicht entfremden will? Zum Trinken verleiten sie mich nicht mit ihrer gefährlich sorglosen Art, im Gegenteil: Sie bestärken mich in meiner Entscheidung. Ich bin froh, in diesem Sinne nicht mehr dazuzugehören. Ich habe die Hoffnung, dass ich im Lauf der Jahre ein dickeres Fell bekomme und über all dem dummen Geschwätz und Gehabe stehe.

    Fazit also: Grundsätzlich schöne alkfreie Weihnachten mit einem ‚mentalen Ruckler‘, der mir nicht gefährlich ist, der mir aber noch zu denken gibt.

    Ich hoffe, ihr hattet alle eine gute Zeit.

    Liebe Grüße

    Mattie

    2 Mal editiert, zuletzt von Mattie (27. Dezember 2025 um 08:39)

  • Hi Hera , nein, das war keine böse Absicht, aber gedankenlos. Es gibt generell so viele Menschen, die keinen Alkohol konsumieren dürfen, wollen oder sollten, die Gefahr ist einfach groß, dass man jemanden mit etwas beschenkt, das ihn oder sie in ein großes Dilemma oder sogar in Gefahr bringen kann. Alkoholika als Geschenk finde ich unpassend.

    Ich will jetzt nicht die Erleuchtete geben :) Ich habe früher auch Sekt und Whiskey verschenkt, und ich habe auf Festen Leute dazu animiert, die Gläser zu füllen. Das bereue ich heute und ich schäme mich auch für manche Situation. Aber das habe ich hinter mir gelassen.

    Liebe Grüße, schönes Wochenende

    Mattie

  • Ich will jetzt nicht die Erleuchtete geben :) Ich habe früher auch Sekt und Whiskey verschenkt,

    Und daher wäre die Sache tiefer zu hängen. Ich kann als Alkoholiker nicht erwarten, dass Nichtalkoholiker meinen Wissensstand haben, insbesondere wenn der Beschenkte früher diese Art von Zuwendungen zu schätzen wusste.


    Ich mache Besuchern keinerlei Vorgaben oder Vorschriften. Wird etwas Alkoholisches mitgebracht, dann reiche ist es weiter. Ist es ein guter Wein, dann erbarmt sich meine Frau.


    So regeln wir es, ganz pragmatisch.;)

  • Ich mache Besuchern keinerlei Vorgaben oder Vorschriften.

    Und ich gehe davon aus, dass jeder Besuch gerne etwas schenken würde, womit der Gastgeber auch etwas anfangen kann.

    Wenn mich jemand besucht, weiß er, dass ich keinen Alkohol trinke. Mich besuchen nur Leute, die mich auch kennen. Das ist auch sehr pragmatisch.

    Und wenn der Partner den Alkohol wegtrinkt, ist das auch nicht für jeden Alkoholiker der Weisheit letzter Schluss.

    Das wollte ich hier mal festhalten. Diese Vorgehensweise ist nicht unbedingt zum Nachahmen geeignet. Gefährlich und entspricht nicht dem Weg der Risikominimierung.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Die Schenkenden haben dir das doch nicht aus böser Absicht geschenkt?

    Wenn nicht bekannt ist, dass ich trockener Alkoholiker bin, ist alles gut. Dann ist ein Geschenk eben ein Geschenk. Wenn es aber bekannt ist und mir trotzdem Alkohol geschenkt wird, geht das zurück. Das ist dann nichts Persönliches, sondern schlicht ein Alibi-Geschenk.

    Und ich werde auch einen Teufel tun, selbst Alkohol zu verschenken. Ich habe irgendwann auch mit einem Glas angefangen und bin süchtig geworden. Das kam nicht aus dem Nichts. Ich unterstütze auch keine „angeblichen Genusstrinker“ und auch keine wieteren anderen Beschönigungen. Alkohol ist Alkohol.

    Es gibt allerdings auch Alkoholiker, die sich unter der Grasnarbe bewegen, also nicht offen damit umgehen, und dann Alkohol verschenken, um die eigene Sucht zu kaschieren. Auch das gehört zur Realität.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • …ob ich den Alkohol verschenke oder vor einem trockenen Alkoholiker (oder es werden will) Alkohol trinke… alles schon erlebt…🥴… DIE wussten Bescheid, über einen optimierten Umgang damit leider nicht… so leider meine Erfahrung im Umkreis der Familie …😔

  • Einfache Lösung: Der Einladende kann doch schon im Vorfeld mit der Einladung klar kommunizieren, dass bei ihm nichts getrunken wird und alkoholische Präsente daher unerwünscht sind. Das kann doch so schwer nicht sein.

    Klar dürfte nur sein, dass dann Nachfragen kommen, insbesondere wenn der Gastgeber früher als Schluckspecht vor dem Herrn unterwegs war und nunmehr seine Metamorphose vom Saulus zum Paulus erklären darf.;)

    Wer das nicht möchte, darf halt improvisieren.

  • Ein halbes Jahr nüchtern …

    … und es fühlt sich immer noch gut an und nach meiner besten Entscheidung. Aktuell wird mein Leben gerade auf diversen Ebenen ein bisschen durcheinandergewirbelt, aber das ertrage ich nüchtern so viel besser als unter Alk.

    Ich feiere solche Etappenziele eigentlich nicht gerne, nutze den Tag aber für eine kurze Reflektion. Bei einer Weltumseglung würde ich auch nur nach vorn schauen und nicht darauf, was hinter mir liegt. Mein Ziel ist die lebenslange Abstinenz, und eigentlich könnte ich jeden Tag feiern, an dem mir nicht der Gedanke kam, ach, so schlimm war es nicht, du kannst jetzt wieder trinken. So war es früher, und das ist nun vorbei. Ich bin dankbar dafür.

    Wie in meinem Eingangspost geschrieben, habe ich Zeiten der Abstinenz hinter mir, die längste davon elf Jahre. Deswegen wusste ich, wie es sich anfühlt, ohne Alkohol zu leben, aber diesmal ist das Mindset ein anderes: Es gibt die Option nicht, wieder anzufangen. Ich habe mich ein- für allemal entschieden, den Alkohol bis zum Ende aus meinem Leben zu verbannen. Weil jetzt die Zeit dafür ist. Weil es sich jetzt richtig anfühlt. Und weil ich den absoluten Tiefpunkt vor mir gesehen haben. Dahin würde ich rutschen, wenn ich wieder anfinge.

    Manch einer, der wie ich ein paar Monate im Forum dabei ist, konstatiert, dass er anfangs zu empfindlich war und dass der Ton hier immer genau richtig ist. Ich habe in mich hineingehorcht, aber erkannt: ich gehöre nicht zu dieser Fraktion :) Ich finde nach wie vor, dass man klare Kante zeigen kann, ohne verletzend, demotivierend und zynisch zu sein.

    Die Grundbausteine sind Gold wert, aber ich bin nicht der Meinung, dass eine individuelle Aneignung dieser Überzeugungen, statt ihnen willenlos und konform zu folgen, unweigerlich in die Gosse oder den Tod führen muss, wie es hier manchmal herausklingt. Unter uns Alkoholikern findet man die ganze Bandbreite der Bevölkerung. Wir bringen alle unterschiedliche Voraussetzungen mit, wenn wir unsere Krankheit erkennen und stoppen wollen. Ich habe mir aus den klugen Ansichten, die hier vertreten werden, das herausgepickt, was mir am meisten hilft. Es fühlt sich richtig an für mich und ich bin über den Punkt hinaus, an dem ich mich verunsichern lasse oder rechtfertige.

    Was ich durchaus gemerkt habe: der Ton verändert sich. Am Anfang kämpft man gegen die Brandung an, wird zurückgeschleudert, versucht es erneut, und irgendwann, wenn man nicht aufgibt, erreicht man ruhigere Gewässer. (Ja, ich habe tatsächlich diese Szene aus Papillon vor Augen, weil ich gern in Bildern denke :mrgreen:).

    Heute ist das Forum für mich der wichtigste Anker auf meinem abstinenten Weg. Man findet hier wie im echten Leben Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren und kann sich diejenigen herauspicken, bei denen die Wellenlänge stimmt. Man muss hier mit gar keinem auf dicke Freundschaft machen. Aber ich zolle all jenen Anerkennung, die seit unzähligen Jahren immer wieder die sich ähnelnden Geschichten von AlkoholikerInnen aufgreifen, kommentieren, ihre Hilfe anbieten und Wege aufzeigen. Das ist wirklich nicht selbstverständlich, ein großer Gewinn für alle, die trocken werden wollen, und aus meiner Sicht im Netz einmalig.

    Die tägliche Beschäftigung mit dem Thema Alkohol in diesem Forum gibt mir Halt und wird auch in Zukunft meine persönliche Versicherung sein.

    Ich wünsche jedem, der hier neu aufschlägt, den festen Willen, abstinent zu bleiben, und die Überzeugung, dass man hier wertvolle Unterstützung findet und gut aufgehoben ist, auch wenn die Fetzen fliegen.

    Liebe Grüße

    Mattie

  • Herzlichen Glückwunsch zum Etappenziel 6 Monate! :thumbup:

    Ich finde schon, ein wenig Selbstmotivation darf und soll sein.

    Eine passable Stabilität war bei mir nach dieser Zeit erreicht und der "Feinschliff" begann (und dauert an).

  • Ein halbes Jahr nüchtern …

    … und es fühlt sich immer noch gut an und nach meiner besten Entscheidung.

    Gratulation zu deinem halben Jahr. Es wird sich noch besser anfühlen, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Ich finde auch, dass es die beste Entscheidung ist, den Alk stehen zu lassen und das Leben wieder mit klarem Kopf selbst zu bestimmen.

    Dein Beitrag gefällt mir. Alles Liebe und Gute für dich 💐

    ————

    🦋 Heute trinke ich nicht, heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

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