Ich fange jetzt mal an zu leben

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  • Servus Lust for Live,


    Gratulation zu deinem ersten Jahr. Weiter so.


    Ich habe seitdem ich trocken bin noch nicht einem Menschen bewusst beim trinken zugesehen


    na ja, bewusst heißt ja nicht, dass ich es nicht sehe. Gerüche nehme ich auch mit. Es sind in den nassen-Sucht-Jahren Verbindungen geschaffen worden, die mir gar nicht bekannt sind. Milliarde Nervenzellen, Synapse, Neurotransmitter waren auf Saufen programmiert.


    Das Gute daran ist die Erkenntnis, dass ich es nie erforschen kann. Heißt also im Umkehrschluss. Ich muss auf mich schauen, auch wenn ich nichts sehe.



    Gruß Hartmut

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    Wer will findet Wege , wer nicht will, findet Gründe !

  • na ja, bewusst heißt ja nicht, dass ich es nicht sehe

    Völlig korrekt, das heißt es nicht. Unterbewusst habe ich das durchaus mitgeschnitten, aber mir fehlt das Bedürfnis ein Teil davon zu sein. Die Zeit, wo ich mich bewusst mit Suchtprozessen und biochemischen Auswirkungen von Drogenkonsum aller Art beschäftigt habe, ist allerding schon eine ganze Weile her, da könnte ich durchaus mal etwas auffrischen.

    da kannst du ja heute eine Kerze anzünden!

    Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, eine in der Kirche brennen zu lassen, aber die Evangelen hier mag ich nicht und bei den Katholiken klopfe ich aus Prinzip nicht an. Für mich selbst, so als Geburtstagskuchen muss nicht sein. Ich habe hier zwei Zettel mit einer Strichliste, auf der ich Tage zähle. Da ist heute das zweite Blatt voll, kann also abgeheftet und neu angefangen werden. Das passt als Ritual ganz gut denke ich.

    Ich muss auf mich schauen, auch wenn ich nichts sehe.

    Nimm es mir nicht übel Hartmut, aber ich bin froh, dass die meisten Tipps hier etwas greifbarer sind :mrgreen:.

  • Jahr 2, Tag 7: Das Leben ist schön. Ich schreibe bewusst nicht, das Leben ohne Alkohol ist schön (obwohl auch das stimmt :) ), denn ich möchte ihm nicht zu viel Platz einräumen. Dennoch wäre mir diese Erkentniss betrunken völlig fern gewesen. Da hätte ich "betrunken sein ist schön" gedacht und viel mehr auch nicht, wie so ein Primat und vermutlich tue ich denen damit noch unrecht.


    Ich weiß nicht, ob und in welchem Umfang es Studien zu Menschenaffen und Alkoholkonsum/Suchtbildung gibt, aber allein auf solche Gedanken zu kommen: Das sind die Momente, in denen ich wirklich merke, um wie viel mehr mein Leben schöner und interessanter geworden ist. Ich bin wieder neugierig, und ich habe die notwendigen Ressourcen um diese Neugier zu befriedigen. Das war über sehr lange Zeit nicht mehr so.


    Betrunken war ich immer der Meinung alles zu wissen. Wie absurd das ist, ich meine, natürlich, Alkohol macht überheblich, aber mal ganz rational gesehen: Saufen, um klüger zu werden? Das muss mit die bescheuertste Idee sein, die mir - nüchtern betrachtet - je untergekommen ist. Wird aber sicher nicht nur mir so gegangen sein. Nasse Alkoholiker sind oft extrem besserwisserisch und dazu noch erschreckend humorlos. Ich bin im Moment einfach nur froh, endlich wieder von Herzen lachen zu können

  • Toller Beitrag, Danke dafür!

    Betrunken war ich immer der Meinung alles zu wissen. Wie absurd das ist, ich meine, natürlich, Alkohol macht überheblich, aber mal ganz rational gesehen: Saufen, um klüger zu werden? Das muss mit die bescheuertste Idee sein, die mir - nüchtern betrachtet - je untergekommen ist. Wird aber sicher nicht nur mir so gegangen sein. Nasse Alkoholiker sind oft extrem besserwisserisch und dazu noch erschreckend humorlos. Ich bin im Moment einfach nur froh, endlich wieder von Herzen lachen zu können

    😂 ja, darin finde ich mich wieder und kann darüber gerade herzlich lachen (auch wenn es im Grunde traurig ist).


    Ich lese bei dir immer eine positiv optimistische Grundstimmung, das finde ich erfrischend und motivierend.


    LG,

    Anni

    Alles was man über das Leben lernen kann, ist in 3 Worte zu fassen: es geht weiter.

  • Jahr 2, Tag 16: Ich bin erstaunt, obwohl ich es vermutlich nicht sein sollte: Die Neurologie, genauer die Neurobiologie scheint mittlerweile doch recht genau entschlüsselt zu haben, was im Gehirn des Süchtigen passiert. Es scheint mir als Laien auf den ersten Blick übrigens erstaunlich egal zu sein, ob die Substanz Alkohol oder eine andere Droge ist, denn:


    "Gemein ist aber allen, dass sie das Belohnungssystem mithilfe des Botenstoffs Dopamin aktivieren. Und das deutlich stärker, als alle natürlichen Belohnungen, die wir kennen. Amphetamine beispielsweise setzen bei Versuchstieren zehnmal mehr Dopamin frei als Nahrungsaufnahme oder Sex. Alkohol, Glücksspiel oder Cannabis kommen auf immerhin doppelt so viel."


    Das aus dieser schlichten Tatsache bereits Sucht entstehen kann, scheint mir mehr als Einleuchtend und ist auch in Tierversuchen hinreichend belegt worden. Da allerdings gerade Alkoholismus häufig eine "schleichende" Sucht ist, sind die Details natürlich viel interessanter:


    "Entscheidend für die Ausbildung einer Suchterkrankung ist das Zusammenspiel von Netzwerken des präfrontalen Cortex mit denen des dopaminergen mesolimbischen Systems."


    Okay, jetzt müsste ich Lügen, wenn ich sagen wollte, was genau damit gemeint ist, aber man kann eine Ahnung bekommen, auch als interessierter Laie denke ich. Das klingt als würde sich die Sucht quasi ausbreiten in das bewusste Denken, um dann von dort zurückgesteuert bedient zu werden.


    "Das Verlangen nach den belohnenden Substanzen wird dadurch stärker, komplexe neuronale Anpassungsprozesse setzen ein und diese Adaptation verändert das Gehirn nachhaltig. Die enge Interaktion von Reizverarbeitung, Kognition, Gedächtnis und Emotion bedingen so ein Suchtverhalten, das nach und nach erlernt wird und schließlich in ein nahezu automatisiertes Handlungsmuster mündet. "


    Been there, done that. Hat sich in etwa so angefühlt:


    „Bei Suchtpatienten kann das mesolimbische System durch diese Bottom-Up-Prozesse den präfrontalen Cortex sozusagen ‚kidnappen‘“, sagt Sabine Vollstädt-Klein. Reflexe, Gewohnheiten und drängendes Verlangen nehmen dann überhand."


    Und:


    "Umkehren lassen sich diese Mechanismen kaum. „Das Gehirn hat keine Löschfunktion“, gibt Falk Kiefer zu Bedenken. „Aber man kann neue Dinge lernen, die im Alltag nach und nach mehr Platz einnehmen und das vorher Gelernte in den Hintergrund rücken lassen.“


    Die therapeutischen Ansätze entsprechen auf den ersten Blick ziemlich genau dem, was wir hier ohnehin schon wissen und erfolgreich anwenden. Wer den Artikel dazu gerne lesen möchte, EDIT

    Einmal editiert, zuletzt von Hartmut () aus folgendem Grund: Edit-, Bitte keine Verlinkung nach außen. Danke

  • Hallo Lust for Life,


    auch ich belas mich über die Abläufe im Gehirn, alles sehr interessant und auch für mich nicht alles 100%ig nachvollziehbar, wenn auch erstmal schlüssig, trotz der vielen Variablen.

    Diese Annahmen, werden durch Tierversuche belegt.


    Nun sind die Voraussetzungen für eine Sucht klar, eine Substanz wird häufiger eingenommen, der Körper gewöhnt sich daran, erzeugt positive Reize und verlangt nach mehr oder immer wieder danach. Setzt man den Suchtstoff ab, gerät das System aus dem Gleichgewicht, der Körper versucht dieses wieder auszugleichen, in dem er uns „suggeriert“ nur der Suchtstoff verschafft Linderung.

    Das einmal angewöhnte Verhalten wieder los zu werden, verlangt uns viel ab.

    Einigen gelingt das einfacher, vielen sehr schwer oder gar nicht.

    Wir müssen wieder (neu) lernen, ohne diese Stoffe zu leben.

    Auch das scheint über besagte Neurotransmitter zu erfolgen. Jeder reagiert anders. Wäre es so einfach, neurobiologisch erklärbar, müsste man die Ausschüttung besagte Botenstoffe beeinflussen. Alle erfolgreich Trockenen bestätigen, das benötigt Zeit, die Schlüsselreize lassen nach, das Gehirn verbindet immer weniger positive Reize, Stimulationen mit dem Suchtstoff.

    Kann man das willentlich beeinflussen? Sich es quasi suggerieren?

    Wenn ich immer an Alkohol denke, wie schön es jetzt wäre … halte ich die Erinnerung (das Positive) wach. Tue ich das Gegenteil, müsste es doch auch funktionieren.

    Manche behaupten, das kann man nicht beeinflussen, das hat nichts mit Willen zu tun. Es ist die Sucht und gleichzeitig wird von Krankheitseinsicht gesprochen.

    Wenn ich etwas einsehe, dann will ich doch, das mache ich doch bewußt, freiwillig.

    Ich lenke mich bewußt ab, halte mich von Triggern fern und „gefährlichen Situationen“ und so nach und nach gewöhne ich mich daran.

    Erst als ich wollte (kein liebloses Lippenbekenntnis), gelang es mir, mich vom Alkohol zu lösen.

  • Alle erfolgreich Trockenen bestätigen, das benötigt Zeit, die Schlüsselreize lassen nach, das Gehirn verbindet immer weniger positive Reize, Stimulationen mit dem Suchtstoff.

    Und ab da liegt eben die Gefahr wieder glauben zu können normal zu trinken. „Man“ hat es ja im Griff. Nach den Erfahrungen von Rückfälligen ist jedoch alles, was in den Jahren zuvor „umgeschrieben worden ist“, mit dem Anfangen des Saufens wieder weg und die Sucht beginnt von Neuen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will findet Wege , wer nicht will, findet Gründe !

  • Und ab da liegt eben die Gefahr wieder glauben zu können normal zu trinken. „Man“ hat es ja im Griff. Nach den Erfahrungen von Rückfälligen ist jedoch alles, was in den Jahren zuvor „umgeschrieben worden ist“, mit dem Anfangen des Saufens wieder weg und die Sucht beginnt von Neuen.

    Was ja auch niemand bestreitet!

    Ich will nicht mehr trinken und bin mir dessen bewußt. Wenn ich keine (oder immer weniger) positiven Reize mehr mit den Suchtstoff verbinde, warum sollte ich dann wieder zum Suchtstoff greifen, ich habe vielleicht die Angst verloren, aber nicht den Respekt.

  • Wenn ich immer an Alkohol denke, wie schön es jetzt wäre … halte ich die Erinnerung (das Positive) wach. Tue ich das Gegenteil, müsste es doch auch funktionieren.

    Klar, ich würde zumindest aus eigener Erfahrung sagen, dass mir das in das Gedächtniss rufen der negativen Eigenschaften von Alkoholkonsum häufig sehr geholfen hat. Aber das verblasst nun mal mit der Zeit (Erinnerungen verändern sich ulkigerweise beim Erinnern) und was mich hier insbesondere fasziniert: Wir haben uns all die Jahre um den Verstand gesoffen, um einen Wirkeffekt zu haben, für den wir - etwas übertrieben gesagt - auch ein paar Packungen Gummibärchen hätten essen können.


    Was ich schön finde, ist das wir hier nochmal einen wissenschaftlichen Beleg haben, warum Wasser trinken und Essen so enorm hilfreich bei Suchtdruck sein können: Weil auch dadurch die Dopaminproduktion angeregt wird, wenn auch in geringerem Maße. Freut mich jedenfalls, dass das Thema doch auf Interesse fällt, denn ich habe vor mich da beizeiten mal etwas genauer einzuarbeiten.


    Ach und:


    Kann man das willentlich beeinflussen? Sich es quasi suggerieren?

    In jedem Fall kann man es so rationalisieren und dadurch einen deutlich klareren Blick auf das gewinnen, was viele am Ende fast als eine Art Monster wahrnehmen, das sie unter Kontrolle hat, wage ich zu behaupten.

  • ... warum Wasser trinken und Essen so enorm hilfreich bei Suchtdruck sein können: ...

    Das finde ich auch eine gute Idee, werden bei der Nahrungsaufnahme ähnliche Prozesse im Körper ausgelöst.

    Ich vertraue da weniger auf wissentliche Erkenntnisse, viel mehr auf meine persönlichen Beobachtungen, meinen Erfahrungen - geht es mir gut, besser oder nicht.


    Auch ich hatte am Anfang Angst, Angst vor mir, ich könne mir wieder Alkohol kaufen, drum tat ich das, was wohl alle taten, ich hielt mich fern von allem!

    Ich begriff, nicht der Alkohol ist das Problem, ich bin es, ich kann damit nicht umgehen.

    Erst als ich das begriff, wich die Angst (und die Angst vor der Angst).

  • Ich vertraue da weniger auf wissentliche Erkenntnisse, viel mehr auf meine persönlichen Beobachtungen, meinen Erfahrungen - geht es mir gut, besser oder nicht.

    Das ist die Basis, auf der ich ja auch angefangen habe. Hier wird geschrieben: Bei Suchtdruck Wasser trinken, das hilft, folglich mache ich das und merke: Es funktioniert. Eine wissenschaftliche Grundlage warum das funktioniert, muss es allerdings geben und die interessiert mich einfach :) .


    Ich begriff, nicht der Alkohol ist das Problem, ich bin es, ich kann damit nicht umgehen.

    Das ist vollkommen richtig, aber angesichts der Tatsache, dass hier unterbewusst ablaufende Systeme, dein bewusstes Denken kapern können, stellt sich doch die Frage: Wie komme ich in Richtung dieser Erkenntniss, solange ich noch trinke? Nasse Alkoholiker beschreiben ihren Zustand hin und wieder als wären sie "in einer anderen Welt", also völlig entkoppelt von jeglichen Normalität. Soll heißen, um zu verstehen, dass "ich das Problem bin" brauche ich vorher einen Moment der Selbstfindung, indem ich "mich" überhaupt mal wieder als eigenständiges Wesen wahrnehme. Vielleich ist das der berühmte Tiefpunkt?

  • ... dass hier unterbewusst ablaufende Systeme, dein bewusstes Denken kapern können, stellt sich doch die Frage: Wie komme ich in Richtung dieser Erkenntniss, solange ich noch trinke? Nasse Alkoholiker beschreiben ihren Zustand hin und wieder als wären sie "in einer anderen Welt", also völlig entkoppelt von jeglichen Normalität. Soll heißen, um zu verstehen, dass "ich das Problem bin" brauche ich vorher einen Moment der Selbstfindung, indem ich "mich" überhaupt mal wieder als eigenständiges Wesen wahrnehme. Vielleich ist das der berühmte Tiefpunkt?

    Ich glaube, das Schwierigste daran ist, sich selbst einzugestehen, daß man versagt hat, daß man nun auch ein Säufer geworden ist, daß wahr ist, was nicht sein darf.

    Das war mein Tiefpunkt.

    Ich frage mich auch immer, wie bekomme ich einen Alkoholiker dazu, daß es nicht mehr trinken will – das bleibt wohl Wunschdenken.

    Ich kenne/ kannte viele, die wollen gar nicht aufhören.

    Auch als ich noch trank, tat ich es freiwillig, ich wollte weiter trinken! Ich habe nie ernsthaft versucht aufzuhören, Mal weniger trinken, ja, doch mehr auch nicht.

    Ich war schwach/ labil, überheblich, übermütig.

    Erst am Tag X, sagte ich mir jetzt ist Schluß.

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