Vom Glück, nüchtern zu sein

  • Nun habe ich die Jahresuhr einmal herum, habe mein nüchternes Leben über zwölf Monate in meinen Alltag eingebaut, neue Rituale und Gewohnheiten geschaffen. Heute kann ich sagen: Meine Abstinenz ist das neue Normal.

    Nach einem Jahr ohne Alk fühle ich mich gesünder, jünger, froher als in den letzten zwanzig Jahren. Ich fühle mich äußerlich und innerlich in Bestform, und ob das mein Umfeld so bestätigt? Keine Ahnung, es kümmert mich nicht. Ich strahle nur für mich. Es ist mein eigenes Lebensgefühl, und das ist das Einzige, was auf dieser Ebene Bedeutung für mich hat. Ohne Alk ist alles besser.

    Ich habe Weihnachten, Silvester, Geburtstage, Ostern, Kurzurlaube, den Sommer und eine Traumreise von unserer Bucket List ohne Alk genossen. Ich hatte zudem die Hochzeitsfeier eines allernächsten Angehörigen, die Abiturfeier und den Auszug einer nicht minder nahestehenden Lieblingsperson, Sterbebegleitung bei einem der liebsten Menschen meines Lebens mit Beerdigung und Trauerarbeit danach. Ich habe mit meinen Liebsten gestritten und mit ihnen gelacht, ich habe mich überfordert gefühlt und ich war im Flow, ich war antriebslos und ich habe was weggeschafft. All das habe ich nüchtern und mit wachem Verstand erlebt. Alle Gefühle hatten ihre Berechtigung, wurden von mir willkommen geheißen und manchmal ein bisschen unter die Lupe genommen. Unter Alk wäre alles betäubt, wie unter eine Glasglocke verlaufen, mit der trügerischen Illusion, Erlebnisse wären intensiver, Schmerzen wären erträglicher. Gefühle neu kennenzulernen, zuzulassen, ihnen Raum zu geben – das gehört für mich zu den wichtigsten und schönsten Aspekten des Nüchternseins.

    Das Leben ist so bunt und reich, und ich habe mir das herausgepickt, was meinen Alltag spannender macht. Dazu gehört, dass ich ein Ehrenamt angenommen habe, bei dem ich viel Verantwortung trage und für das mein Herz schlägt. Unter Alk wäre das nicht machbar gewesen.

    Mit Beginn der Nüchternheit habe ich angenommen, ich würde doppelt so viel schaffen wie unter Alk. Doch weit gefehlt. Ich warte bis heute auf den Aktionismus, der mir dazu verhilft, den Keller endlich auszumisten oder den Urwald vor der Terrasse in einen englischen Garten zu verwandeln. Ich habe, als ich noch getrunken habe, tatsächlich – wenn auch nicht die ganzen großen Projekte, aber dennoch insgesamt - mehr geschafft. Und ich weiß heute auch warum: Wenn ich schon gesoffen habe, wollte ich wenigstens allen zeigen, seht her, ich bin trotzdem produktiv: eine Frau, die ihr Leben im Griff hat.

    Diese Einstellung hat sich gewandelt: Ich habe heute eine zutiefst verinnerlichte Schei**-Egal-Haltung. Gar nichts muss ich tun von all dem, was die letzten Jahrzehnte meine To-do-Liste gefüllt hat. Ich kann einfach nur dasitzen, Löcher in die Luft starren, nichts leisten und dabei eine rundum liebenswerte Person sein. Dabei muss ich gar nicht mal den vielzitierten Tee trinken (obwohl es wirklich köstliche Sorten gibt). Flasche Wasser und Musik auf die Ohren reicht.

    Wie blöd ich war, zu glauben, Entspannung hätte ich nur nach getaner Arbeit verdient und dass nur eine Flasche Wein mich in diesen Zustand versetzen kann. Ich kriege das aus mir heraus hin, ganz unangestrengt. Mein Gefühl der Selbstwirksamkeit hat in diesem Jahr der Abstinenz den entscheidenden Schub bekommen.

    Ich habe hier mal bei den neu Angemeldeten geschrieben, dass ich in einem Jahr praktisch keinen Suchtdruck hatte. Im Nachhinein habe ich gedacht, klingt ein bisschen wie die Streberin aus der ersten Reihe :) Es ist aber tatsächlich so, dass ich kein einziges Mal das drängende Bedürfnis hatte, Alkohol zu trinken. Allerdings weiß ich inzwischen, dass sich mein persönlicher Suchtdruck tarnt: Ich überlege dann, was ich noch essen könnte, durchwühle Vorratsschrank und Kühlschrank. Ich kenne das inzwischen und weiß damit umzugehen. Meistens hilft es, mir ein Völlegefühl zu verschaffen, sei es durch eine Flasche Mineralwasser auf ex oder eine Familienpackung Eis. Ich lege mir hier keine Beschränkungen auf, denn meine Devise ist: Alles außer Alk. Dass ich trotzdem zehn Kilo abgenommen habe, zeigt mir, dass ich nach den ersten schoko- und lakritzlastigen drei Monaten insgesamt mein Maß gefunden habe.

    Mein Partner ist von Beginn an mit mir abstinent. Unsere Beziehung hat eine Wandlung durchgemacht. Wir lachen nicht weniger miteinander, wir lieben ‚Fine Dining‘, und es ist mir zum Ritual geworden, bei eingedeckten Tischen im Restaurant die Weingläser und die Karte für die Weinbegleitung an den Tischrand zu schieben und die Bedienung zu bitten, alles zu entfernen. Dann ist unser Tisch clean. Wir kochen aber auch selbst gern, und, o Wunder, ein ‚Kochwein‘ oder eine geöffnete Bierflasche, während man Paprika schnippelt oder Kartoffeln schält, ist so was von unnötig für das gute Gemeinschaftserlebnis. Dass unser Haushalt alkoholfrei ist, ist für mich selbst einer der wichtigsten Grundbausteine.

    Für mich hat der Gedanke, bis an mein Lebensende keinen Alk mehr zu trinken, nur Gutes im Windschatten. Ich bin jetzt Anfang sechzig, ein Vierteljahrhundert sollte hoffentlich noch drin sein. Das werde ich nicht als greise Trinkerin erleben, die die Öffentlichkeit scheut, weil sie zu Hause säuft. Sondern mit erhobenem Haupt, nüchtern und so lange wie möglich in passabler Form.

    Das Alter mit all seinen kleinen und größeren Beschwerden macht nicht Halt, auch wenn ich alkoholfrei lebe, aber ich habe einen der hässlichsten Gesundheitskiller hinter mir gelassen.

    Ich vergleiche meine Abstinenz nicht mit einem Marathon. Für mich ist es eine entspannte Wanderung. Laufen und durchhalten wären mir viel zu anstrengend. Ich gehe meinen Weg gemütlich und gechillt.

    Das tägliche Lesen und Schreiben im Forum hat mein Mindset in erheblichem Maß geprägt. Die Wachsamkeit läuft neben mir her wie ein Wagenengel in gelber Warnweste. Der ist aber nicht überlebensgroß oder alles überschattend, sondern verantwortungsbewusst und unauffällig präsent. Für immer abstinent zu bleiben ist zu meiner tiefgreifenden Lebenseinstellung geworden.

    Ich habe einige Zeit über den Thread-Titel nachgedacht. Ich bin nicht durch Glück trocken geworden, sondern weil ich es wollte. Und das Leben ist auch kein Ponyhof, sondern läuft in Wellen. Aber neben allen Höhen und Tiefen, die zum Leben dazugehören, läuft ein stetiges wohliges Grundrauschen. Das ist das Glück, nüchtern zu sein. Und das bleibt.

    Das Forum hat mich bis zu diesem Ein-Jahres-Meilenstein zuverlässig begleitet. Ich habe hier Menschen kennengelernt, die ich nicht nur für ihre Trockenarbeit schätze, sondern für ihre Lebensfreude, ihre Klugheit, ihre Empathie, ihren Humor und ihre Ehrlichkeit. Und ich weiß, wenn ich übermütig werde oder Situationen erlebe, die mich überwältigen, von denen ich jetzt noch nichts ahne – dann werden hier ein Dutzend Stimmen laut. Jede auf ihre ganz persönliche Art. Ich will hier nicht mehr weg. Das habt ihr nun davon. ^^

    Alles Liebe von

    Mattie

  • Ein tolles Fazit, Mattie!

    Davon, gerade von Deiner Sch*egal-Haltung, kann ich mir noch eine Scheibe abschneiden, obwohl ich schon etwas länger zufrieden trocken bin.

    Herzlichen Glückwunsch zu dieser Entwicklung und weiter so!

  • Nun habe ich die Jahresuhr einmal herum

    Mattie was für ein schöner Beitrag, liest sich richtig toll.🌸

    Ich gratuliere dir herzlich zu 1 Jahr Abstinenz. 💖🎉

    ————

    🦋 Heute trinke ich nicht 🦋 Heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • Ja, es ist ein grosses Glück nüchtern zu sein, da hast du völlig recht!

    Meinen Glückwunsch zum ersten Jahrestag Deiner Abstinenz, Mattie! 💐

    LG Elly

    ---------------------------------------------------------------------------------------

    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Liebe Mattie,

    du hast deinen Weg in diesem einen Jahr wunderschön, sehr anschaulich beschrieben.

    Danke, dass du uns an deinem intensiven Rückblick hast teilhaben lassen.

    LG Kyra

    Mein Weg in die Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit begann am 26.11.2025 und endet mit mir.

  • Liebe Mattie,

    Dein Beitrag ist einfach herrlich. Vieles davon empfinde ich genau so. Du hast das Gefühl der Nüchternheit perfekt wiedergegeben. Einfach toll. Und so machen wir auch weiter, ne?

    LG

    Bibi :*

    Das Leben wird dir solange denselben Test geben, bis du ihn bestanden hast.

    -Xo Filou-

    Trocken seit 11.07.2025

  • Dein Beitrag hat Wiedererkennungswert, jedenfalls für mich.

    Herzlichen Glückwunsch zum ersten selbstbestimmten, trockenen Jahr.

    -------------------------------------------------------
          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Dein ‚Jahresbericht‘ liest sich toll.
    Herzlichen Glückwunsch zu einem Jahr Freiheit. 💐

    Gar nichts muss ich tun von all dem, was die letzten Jahrzehnte meine To-do-Liste gefüllt hat. Ich kann einfach nur dasitzen, Löcher in die Luft starren, nichts leisten und dabei eine rundum liebenswerte Person sein.

    Und schenkt das nicht eine herrliche Entspannung und innere Zufriedenheit?
    Genieße jeden dieser wunderbaren Momente, die es nur ohne Alkohol geben kann.

    Viele Grüße

    Stern

    ⭐️

    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!