Stromer - Alkoholiker

  • Hallo Stromer,

    abgesehen von meinen Schlafproblemen zu meiner Lehrzeit und den Alkoholmisbrauch um einzuschlafen habe ich nur getrunken, weil es mir geschmeckt hat.

    Eine tiefenpsychologische Therapie hatte ich nicht aber eine Verhaltenstherapie.
    Ich habe oft drüber nachgedacht, warum ich angefangen habe zu trinken.

    Da war schon mein erster Denkfehler.
    Ich habe nicht einfach angefangen zu trinken und schon gar nicht missbräuchlich. Wie war es bei mir ?

    Überall wurde Alkohol getrunken, und überall gab es Alkohol. Es war so, und ich habe mitgemacht. Mit der Zeit habe ich gelernt, Alkohol als gut schmeckend zu empfinden. Einen guten Wein trinken konnte man ja auch zelebrieren.
    Dann kam die Zeit, als ich anfing, Alkohol zu gebrauchen, ganz gezielt, zum Stressabbau, zum beruhigen, zum verdrängen und später um zu funktionieren.
    Spätestens ab da war ich süchtig und hatte es noch nicht einmal gemerkt.
    Ab da musste ich trinken, geschmeckt hatte es mir schon lange nicht mehr, ich glaube ich hab es mir eingeredet, dass es schmeckt.

    Jetzt bleibt nur noch die Frage warum bin ich so fahrlässig in der ganzen Zeit damit umgegangen? Hat es einen Grund? Ich habe die Frage ruhen lassen, da ich momentan nicht glaube, dass mich eine Antwort weiter bringen würde. Sollte ich aber irgendwann feststellen, dass da was ist, was meinen heutigen abstinenten Weg behindern oder gar gefährden könnte, würde ich dem nachgehen und zwar mit aller Konsequenz.
    Genau wie Du habe ich mir auch viel Wissen über Alkohol und meine Krankheit angeeignet. Das ist ein elementarer Pfeiler meiner Abstinenz.
    Viele Fragen und Zusammenhänge werden alleine damit schon beantwortet und innere Diskussionen werden im Keim erstickt. Das funktioniert aber nur, wenn ich meine Krankheit akzeptiere verbunden mit der Akzeptanz einer lebenslangen Abstinenz.

    Viele Grüße

    Nayouk

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Heute vor zwei Jahren, am 26.1.2023 sass ich bei einem Arzt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr.

    Ich hatte mich dagegen gestemmt, tagsüber Alkohol zu trinken. Ich trank immer erst nach 18:00 Uhr. Ich konnte nicht tagsüber trinken. Ich musste arbeiten, da hätte ich keinesfalls trinken können. Und 90Km musste ich auch täglich mit dem Auto pendeln. Heute weiss ich, das ich jeden Tag Entzugserscheinungen hatte. Und jede Woche wurde dieser immer stärker und stärker.

    Ich sah mich nicht als Alkoholiker. Das sind doch die, die den ganzen Tag saufen. Ich nicht, also bin ich kein Alkoholiker. Dachte ich. So habe ich mir das eingeredet. Ich habe höchstens ein Alkoholproblem, das muss ich mal angehen. Morgen ist ein guter Tag dafür. Jeden Tag habe ich mir das gesagt.

    Der Arzt schenkte mir eine ganze Stunde, während ich ihm erzählte, was mit mir los ist. Diese starken Schmerzen, das Herzrasen, das Zittern, diese innere Unruhe und zuletzt diese starken Bauchschmerzen. Ich wollte das kontrollierte Trinken lernen, deshalb bin ich da, sagte ich, da hatte ich mal von gelesen. Er hörte mir diese Stunde zu, stand immer wieder auf, ging durch den Raum und kam ab und zu zu mir und nahm mich in den Arm, wenn ich so stark weinen musste, daß ich nur noch schlecht reden konnte.

    Er sagte, daß er nur 15 Minuten für mich Zeit hätte und das Wartezimmer voll wäre, ich sollte in zwei Tagen wiederkommen.

    Zwei Tage später sass ich wieder bei ihm. Nun redete er. Er erklärte mir, das ich Alkoholiker sei der nur noch funktioniert, weil ich ein starkes Gerüst um mich hätte in Form von Familie, Arbeit, Hobbys. Ohne das würde ich jetzt schon nur noch in einem kleinen dunklen Raum sitzen, den ich nur noch verlassen würde, um Nachschub zu holen. Und wenn ich nichts täte, würde das auch bald passieren. Ich würde alles Verlieren: Familie, Arbeit, meine Würde und zum Schluss auch mein Leben. Aber es gäbe eine kleine Chance, aus dem Strudel, der immer nur nach unten führt, herauszukommen. Aber nur, wenn ich alleine den Hintern hoch bekäme und alle, wirklich alle Hilfe demütig und bedinnungslos annehmen würde, die ich bekäme. Nur dann hätte ich eine kleine Chance. Nur 15% würden das erste Jahr trocken schaffen.

    Das sass. Ich plante mit ihm meine Entgiftung, er hat mir geholfen, schnell bei der Suchtberatung unterzukommen, ich habe alles mitgenommen: Langzeitterapie, mehrere Selbsthilfegruppen, Suchtberatung, onlinegruppen.

    Heute fühle ich mich sehr gut vorbereitet. Ich bin zufrieden und sehr, sehr glücklich. Ich werde aber mein Leben lang vorsichtig bleiben. Dankbar wird mir für immer dieser Arzt in Erinnerung bleiben, der mir mein Leben gerettet hat und mit seinen harten und direkten Worten schonungslos meine Situation aufgezeigt hat, die ich vollkommen falsch eingeschätzt hatte.

    Heute ist Alkohol für mich eine legale, harte Droge, die nur erlaubt ist, weil die Menschheit sich damit schon seit Jahrtausenden zu gerne betäubt und dadurch kulturelle Bedeutung errungen hat und Gesellschaftsfähig wurde. Alkohol tötet schon in geringen Mengen Zellen. Alkohol macht dumm. Alkohol macht agressiv und peinlich. Ich ärgere mich sehr darüber, wie viel wertvolle Lebenszeit ich vollkommen wertlos verplempert habe, während ich besoffen war. Das ist nun vorbei. Und ich werde nicht müde, alles zu tun, damit es auch so bleibt. Auch in 20 Jahren wird das nächste Glas nur eine Armlänge entfernt sein.

  • Danke für Deine Erzählungen. Nur weil „man“ (noch) funktioniert bedeutet das eben nicht, kein Alkoholiker zu sein.

    Dein Arzt ist klasse, es wäre toll wenn es ganz viele von dieser Sorte gäbe!

    Glückwunsch zu zwei Jahren in Freiheit.

    LG Cadda

  • Schön, mal wieder von Dir zu lesen, Stromer, und herzlichen Glückwunsch zu Deinem persönlichen Jahrestag (und dem beeindruckenden Arzt). 💐 Dein Rückblick ist bestimmt für viele hilfreich, die still mitlesen und aktuell noch zweifeln ...

    Ich erinnere mich gerade nicht mehr: Was hast Du in Deinem Alltag verändert, um zufrieden abstinent sein zu können? Erzähl ruhig öfter mal von Dir ...

    Einmal editiert, zuletzt von Rennschnecke (26. Januar 2025 um 11:59) aus folgendem Grund: Vertippt

  • Herzlichen Glückwunsch zum 2 jährigen

    Freut mich immer so positive "Wasserstandsmeldungen" lesen zu können.

    Auf die nächsten Jahre, bleib dran :thumbup:

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Herzlichen Glückwunsch zu 🏅2️⃣🏅Jahren Abstinenz.

    Was du geschildert hast, sind Dinge die man nie wieder vergisst.

    Liebe Grüße

    Nayouk

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Hallo Stromer,

    da hast du wirklich einen tollen Arzt gehabt 👌🏻

    Herzlichen Glückwunsch zu 2 Jahren Trockenheit - weiter so 😊!

    Viele Grüße Martha

    Achte auf deine Gedanken, sie sind der Anfang deiner Taten ...

    Trocken seit 2010

  • Es gibt Daten, die vergisst man nicht, Stromer!

    Jetzt liegt alles 2 Jahre hinter Dir und es ist interessant nochmal eine Kurzfassung Deiner damaligen Verfassung zu lesen.

    Und ich spüre, wie erleichtert Du heute noch immer bist, dass die Last des Saufens von Dir genommen ist.

    Meinen Glückwunsch und immer weiter so! :thumbup:

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Herzlichen Glückwunsch!

    Ich habe zwar hier keinen Beitrag als trockene Alkoholikerin, aber irgendwie steckt es an und ich wollte daher gerade mal meine Jahre des trocken seins mitteilen: bei mir sind es mittlerweile ca. 4½ Jahre. Wie schön, und so soll es weiter gehen, das Wünsche ich Dir und natürlich auch allen anderen hier!

  • wieviel wertvollen lebenszeit verplempert. wie recht du damit hast.

    herzlichen glückwunsch zum 2. jahr. und auf das du nie wieder zeit auf diese weise verplemperst. wenn doch alle ärzte so informiert wäre wie der deine.

    Alkohol ist ein prima lösungsmittel es löst familien arbeitsverhältnisse freundeskreise und hirnzellen auf.
    trocken seit 18.10.2001

  • Ich erinnere mich gerade nicht mehr: Was hast Du in Deinem Alltag verändert, um zufrieden abstinent sein zu können? Erzähl ruhig öfter mal von Dir ...

    Hallo Rennschnecke, am Anfang war alles anders, neu und ich habe es als sehr anstrengend empfunden. Nach 6 Wochen bin ich ja wieder arbeiten gegangen. Alleine das empfand ich schon anstrengender, mein Körper war nach der Entgiftung schon kraftlos, müde. Nach der Arbeit hatte ich danach so gut wie jeden Tag etwas anderes: Langzeitterapie, Einzelgespräche, Selbsthilfegruppe das heisst, ich war praktisch das erste Jahr jeden Tag nicht vor 21:00 Uhr zuhause. Dann noch schnell etwas essen und ab ins Bett. Am Wochenende bin ich dann viel Motorrad gefahren, war wandern oder habe Städte besucht oder andere Veranstaltungen wie Berkwerke besichtigen usw. Ich habe viele Interessen.

    Bei allem habe ich es sehr genossen, das ich die Tage nun symtomfrei erleben konnte. Es ist immer noch so herrlich! Und ich genieße es sehr, früh schlafen zu gehen und gut schlafen zu können. Das ging ja ohne Alkohol bei mir seit Jahrzehnten nicht mehr.

    Ich glaube, bei mir sind die Jahrelangen schlimmen Symtome DER Grund, warum ich nie, nie wieder trinken möchte, die mich vom Alkohol fern halten. Es hat zu lange zu weh getan.


    Übrigens war ich heute vor 2 Jahren noch nicht trocken. Der Arzt hatte dazwischen noch Urlaub und hat mit mir vereinbart, das ich danach am 13.2.2013 in seine Praxis kommen sollte. Bis dahin sollte ich so viel wie nötig und so wenig wie möglich weiter trinken. Er hatte mich damals ab meinen ersten Besuch krank geschrieben und mir empfohlen, meinen Arbeitgeber mit ins Boot zu holen. Er hatte Sorge, daß ich auch tagsüber anfangen könnte zu trinken. Dann hätte ich ja wieder "funktioniert" und das Vorhaben der Entgiftung hätte ich sicher fallen gelassen. Ich glaube das war der Grund, warum er mich kurzfristig ambulant entgiftet hat.

    Ich bin ihm sehr, sehr dankbar.

    Ich hatte übrigens mit ihm wirklich irres Glück. 6 Monate später hat er sich mit über 70 Jahren zur Ruhe gesetzt. Ein mal bin ich ihm noch mal beim Einkaufen über den Weg gelaufen. Ich stand in der TK Abteilung, als es plötzlich an meinem Arm zupfte. Da stand er neben mir und lächelte wieder so freundlich mit seinen weissen Haaren und seinem weissen 3 Tagebart. Er hatte sich offensichtlich auch sehr gefreut, mich so lebendig und nüchtern zu sehen. :)

  • Übrigens war ich heute vor 2 Jahren noch nicht trocken.

    Aus dem Grund meine Frage

    Wann fing denn Deine Entgiftung genau an?

    Dann sind die zwei Jahre am 13.2. voll, oder?

    Dann habe ich bei Kadett noch folgendes aufgeschnappt

    So verzichte ich weiterhin auf Urlaub,

    Das ist sehr vorsichtig. Es gibt ja viele Arten von Urlaub. Club-Urlaub wäre es jetzt wahrscheinlich nicht. ;)

    Aber z. B. in einer Ferienwohnung, oder einer Pension? Ich finde es ja toll daheim. Aber mal woanders hin ist schon schön. Und wenn es für eine Woche ist.

    Wenn Du aber so ein schlechtes Gefühl dabei hast, ist das auch besser so.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

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